Alternative zu Antibiotika
Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Diese Weisheit machen sich Mediziner bei der Therapie bakterieller Infektionen zu Nutze: Im Kampf gegen besonders hartnäckige Keime setzen sie auf so genannte Bakteriophagen. Das sind Viren, die sich in Bakterien vermehren und diese dabei zerstören.
BERLIN. Die in Osteuropa gängige Methode zum Abtöten von Keimen könnte der westlichen Welt aus der Antibiotikakrise helfen. Die Hoffnung der Ärzte: So könnten sie sogar solche Infektionen heilen, bei denen keine Antibiotika mehr helfen. Mehrere Biotech-Firmen wollen den Bakterienfressern nun zum Durchbruch verhelfen. Sie machen sich daran, die Wirksamkeit der Phagentherapie in klinischen Studien zu beweisen.
Die britische Firma Biocontrol hat 24 Patienten mit chronischen Ohrentzündungen behandelt. Die Studie der klinischen Phase 2 ergab: Selbst Patienten, die mit Antibiotika nicht geheilt werden konnten, erfuhren mit der Phagenlösung eine deutliche Besserung. Nun strebt Biocontrol eine große Zulassungsstudie mit höheren Fallzahlen an, um die Wirksamkeit der Phagentherapie eindeutig zu beweisen.
Für Ärzte, die Erfahrung mit der Phagentherapie haben, steht die Wirksamkeit der Methode außer Frage. "Ich habe zehn Patienten mit Resistenzen gegen Antibiotika erfolgreich mit Bakteriophagen therapiert", sagt etwa der Dermatologe Benno Splieth, Chefarzt der Vital-Klinik in Michelbach. Auch der Nürnberger Dermatologe Thomas Eberlein konnte bereits einige Patienten mit resistenten Keimen heilen. Beide Mediziner haben täglich mit Patienten zu tun, deren Wunden mit so genannten MRSA-Keimen infiziert sind, multiresistenten Bakterien also, bei denen sich die gängigen Antibiotika als wirkungslos erweisen.Die Phagentherapie sei einfach anzuwenden, sagt Splieth: "Man reinigt die Wunde, träufelt die Lösung mit den Viren darauf und legt einen Verband an." Die Prozedur wird über einige Tage wiederholt. Sobald die Viren auf der Wunde landen, beginnen sie ihre Killerarbeit. Sie injizieren ihr Erbgut in ein Bakterium und nutzen dessen Stoffwechselsystem, um sich zu vermehren. Hunderte neuer Viren entstehen. Mit speziellen Enzymen lösen sie die Zellwand des Keimes auf. Nachdem das Bakterium zerstört ist, suchen sich die frei gewordenen Viren neue Opfer.
Weil die Bakteriophagen hoch spezialisiert sind, muss der Arzt vor der Therapie genau bestimmen, welches Bakterium dem Patienten zu schaffen macht. Das macht ein ausgeprägtes Know-how erforderlich. Doch selbst wenn das falsche Virus erwischt wird, sind Gefahren für den Menschen kaum zu erwarten: Die Phagen können menschliche Zellen nämlich nicht angreifen. Nebenwirkungen der Therapie konnten weder Splieth noch Eberlein feststellen.
Das Verfahren hat Tradition: Erste Versuche mit Bakteriophagen fanden in Frankreich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts statt, doch die heilenden Viren gerieten in der westlichen Welt wegen der aufkommenden Antibiotika in Vergessenheit. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa hat das Heilverfahren überdauert. Therapiezentren wie das Phage Therapy Center in der georgischen Hauptstadt Tiflis werben mit ihrer Erfahrung und bieten ihre Kompetenz weltweit an.
George Danelia, Sohn eines georgischen Mediziners und Finanzmanager der Biotech-Firma D&D Pharma, plant mit seinem Unternehmens eine Art Reimport der Therapie in die westliche Welt: "Wir wollen die Zulassung der Phagentherapie nach europäischem Recht erlangen", sagt Danelia. Sein Vater ist ebenfalls in der Spitze von D&D Pharma tätig. Die Firma hat in Deutschland mehrere Pilotstudien durchgeführt, unter anderem mit der unfallchirurgischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover. Auch in der Studie, an der Splieth und Eberlein beteiligt waren, kam eine Phagenlösung von D&D Pharma zum Einsatz.
Weitere Unternehmen wie Novolytics oder Intralytix sind nach eigenen Angaben auch kurz davor, erste Studien am Patienten auf den Weg zu bringen. Während manche Verfechter der Phagentherapie damit den Einzug in den Krankenhausalltag für realistisch halten, rücken andere Biotech-Firmen vorläufig vom Einsatz in der Humantherapie ab. Sie konzentrieren sich auf Produkte zur Sterilisation von medizinischen Instrumenten, zur Konservierung von Lebensmitteln oder zur Anwendung in der Veterinärmedizin.
Jan Rybniker von der Klinischen Infektiologie der Uniklinik Köln hält den Ansatz vor allem für die Behandlung von bakteriellen Wundinfektionen für interessant. Er selbst erforscht die Interaktion von bestimmen Bakteriophagen und Tuberkulose-Erregern. Für die Therapie von Infektionskrankheiten wie Tuberkulose seien die Bakteriophagen jedoch eher ungeeignet, meint Rybniker. Die TB-Erreger gehören zu den so genannten intrazellulären Bakterien, die sich vorwiegend in menschlichen Zellen aufhalten. "Sogar mit manchen kleinen Molekülen wie Antibiotika sind solche Keime schwer zu erreichen", sagt Rybniker, "ein Bakteriophage kommt da wahrscheinlich niemals hin."




