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von Stefan Nickels

Forscher arbeiten an einer erstaunlichen Therapie: Statt Antibiotika verwenden sie Viren, die Krankheitserreger vernichten sollen. Diese Phagen arbeiten mit fiesen Tricks.

An der Bakterienzelle hat ein filigranes Gebilde angedockt. Wie eine Spinne sitzt es auf der Oberfläche und spritzt sein Erbgut in die Zelle. Nach seinem Bauplan entstehen im Inneren des Bakteriums neue Spinnengebilde. So viele, bis die Bakterienzelle platzt und die neuen Killer ausströmen und weitere Bakterien befallen.

Die spinnenartige Konstruktion ist ein Bakteriophage. Das sind Viren, die Bakterien befallen. Der Vorteil: Den Phagen ist es gleich, ob die Bakterien gegen Antibiotika resistent sind oder nicht. Das macht sie für Mediziner und Forscher interessant. Denn immer häufiger müssen Ärzte vor antibiotikaresistenten Bakterien kapitulieren.

So auch Maximilian Pichlmaier. Der Chirurg an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hatte immer wieder mit Patienten zu tun, die unter schlecht heilenden, infizierten Wunden litten. "Wir haben etwas gesucht, das besser wirkt als Antibiotika-Infusionen. Etwas, das gezielt bestimmte Bakterien angreift und das man direkt auf der Wunde anwenden kann", sagt Pichlmaier. So ist der Chirurg auf die Therapie mit Bakteriophagen gekommen. Möglich wurde die Behandlung aber erst durch die Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Nodar Danelia aus Georgien. Seit fünf Jahren betreibt Danelia sein Unternehmen D&D Pharma, das sich der Erforschung und Entwicklung der Phagentherapie widmet und Viren für den klinischen Einsatz produziert.

Gezielter Angriff

In der georgischen Hauptstadt Tiflis, im Eliava-Institut, hat das Wissen um die Phagentherapie überdauert. Nachdem gegen Ende des Zweiten Weltkriegs das Penizillin auch für die Zivilbevölkerung zur Verfügung stand, verdrängte es die Virenbehandlung. Nur in Osteuropa und in der damaligen Sowjetunion überlebte die Phagen-Methode im klinischen Alltag, denn Antibiotika waren knapp.

Die Phagen sind äußerst wählerisch: Das Andocken klappt nur, wenn ihre Füße genau zur Oberfläche der Bakterien passen. Dann entert die Erbsubstanz DNA des Phagen die Bakterienzelle und veranlasst sie, nach ihrem Bauplan neue Viren herzustellen. Und zwar so viele, bis die Bakterie platzt und Hunderte neuer Viren entlässt. Diese Nachkommen stürzen sich dann auf weitere Bakterien. So vermehren sich die Viren lawinenartig, bis schließlich alle Wirtsbakterien vernichtet sind.

"Die Vorteile der Phagen sind, dass sie gezielt bestimmte Bakterien angreifen und dass man sie direkt in die Wunde geben kann", sagt Maximilian Pichlmaier. Zudem können Bakterien keine echten Resistenzen gegen die Viren bilden, wie es bei den Antibiotika der Fall ist. In deutschen Kliniken gehören etwa 20 Prozent der Erreger zur Kategorie der so genannten MRSA. Gegen diese Bakterien sind ganze Klassen von Antibiotika wirkungslos. Die Behandlung ist schwierig und teuer. Etwa 500 Mio. Euro beträgt der jährliche volkswirtschaftliche Schaden durch MRSA in Deutschland, schätzt Martin Wernitz. Er hat am Berliner Vivantes-Klinikum im Friedrichshain ein krankenhausweites System zur MRSA-Früherkennung untersucht.

 

Therapie für Einzelfälle

Bakterien können sich zwar auch gegen die Phagen wappnen. Durch Mutation kann sich ihre Oberfläche so verändern, dass bestimmte Phagenstämme keinen Ansatzpunkt mehr finden. "Das ist aber kein Problem", sagt Danelia, "dann suchen wir eben einfach einen neuen Phagen, der passt." Wenn er eine Bakterienkultur eines Patienten erhält, identifiziert er die Erreger und sucht aus seinem Phagenarchiv den passenden Stamm. Wie viele Stämme er parat hat, will er nicht verraten, doch in den vergangenen sechs Monaten habe es keine Einsendung gegeben, für die es kein passendes Virus gegeben habe.

Angewendet wird die Therapie bisher nur in Einzelfällen. Die Krankenkassen tragen die Kosten meist nicht, und die Akzeptanz bei Medizinern ist gering. Der Grund dafür: Die meisten Studien zur Phagentherapie wurden nicht in Englisch veröffentlicht und entsprechen nicht den westlichen Standards. "Methodisch korrekt oder nicht, die Erfahrung zeigt, dass es Patienten hilft", sagt Danelia.

Auch am Forschungsinstitut Hohenstein glaubt man an das Potenzial der Viren. Zusammen mit georgischen Wissenschaftlern werden dort medizinische Textilien entwickelt, die Bakteriophagen enthalten. Sie könnten als Verbände benutzt werden, um Infektionen zu bekämpfen oder gar zu verhindern, dass sich eine Wunde entzündet. Nodar Danelia plant in Zusammenarbeit mit der MHH weitere Studien, die dieses Jahr beginnen sollen. Sie sollen den Bakteriophagen den Weg zur breiten Anwendung auch im Westen ebnen.

 

Bakterienkiller

Therapie Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien befallen. Ihr großer Vorteil: Sie können gezielt angreifen und wirken auch dann, wenn die Krankheitserreger gegen Antibiotika resistent sind. Seit wenigen Jahren erwacht das Interesse an den Bakteriophagen wieder . Denn der Anteil der Infektionen mit dem gefürchteten multiresistenten Staphylococcus-aureus-Bakterium (MRSA) stieg auf Intensivstationen in Deutschland von acht Prozent im Jahr 1997 innerhalb von sechs Jahren auf 30 Prozent an.

Angriff Den Phagen ist es egal, ob die Bakterien gegen Antibiotika resistent sind oder nicht. Sie arbeiten selbst mit fiesen Tricks und nutzen die Zellfabriken der Bakterien zur Vermehrung: Sie spritzen ihr Erbgut in die Bakterien hinein. Dort entstehen dann so lange neue Phagen, bis das Bakterium platzt und die frisch produzierten Bakteriophagen ausströmen, um neue Bakterien zu befallen. Sind alle Bakterien vernichtet, lösen sich auch die Phagen wieder auf.

Einsatz Wissenschaftler vom Forschungsinstitut Hohenstein entwickeln gemeinsam mit georgischen Kollegen medizinische Textilien, die Bakteriophagen enthalten. Sie könnten als Verbände benutzt werden, um Infektionen zu bekämpfen oder gar zu verhindern, dass sich eine Wunde entzündet.

 

Aus der FTD vom 03.01.2006

© 2006 Financial Times Deutschland, © Illustration: Minister of Public Works and Government Services Canada, ftd.de

Link: http://www.ftd.de/forschung/37055.html

 

 

 

 

 

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